Namensgeber: S. Lotzer

Sebastian Lotzer in Memmingen

Der in Horb am Neckar geborene Sebastian Lotzer ging als gelernter Kürschner auf Wanderschaft und kam so nach Memmingen. Er erwirbt das Memminger Bürgerrecht und wird durch intensives Bibellesen zum bedeutendsten Laien-Theologen von Memmingen und Umgebung.

Für die Bauern aus der Memminger Umgebung fasst er „nach Laut und Inhalt des göttlichen Worts“ deren Beschwerden und Forderungen an die Obrigkeit in den sog. „10 Memminger Artikeln“ zusammen, die dem Rat der Stadt übergeben wurden. In der Kramerzunft in Memmingen legt er den 50 Bauernvertretern einen Entwurf für eine Bundesordnung der Christlichen Vereinigung aller Bauern Oberschabens vor. Unter der Mitarbeit von Christoph Schappeler, der als Prediger von St. Martin die Lehre der Reformation vertrat, verfasste Lotzer die sog. „12 Artikel“, ein Reformprogramm und politisches Manifest, das dem einfachen Volk im ganzen Deutschen Reich eine Stimme und Hoffnung gab.

Als daraufhin der Schwäbische Bund den Rat der Stadt Memmingen aufforderte, ihn ins Gefängnis zu legen, floh er nach St. Gallen, wo sich seine Spur für immer verlor. In der Erinnerung lebt er weiter als ein christlicher Streiter für eine friedliche Gesellschaft, in der soziale Gerechtigkeit und persönliche Freiheit herrschen.

Zum Namen „Sebastian-Lotzer-Realschule“

1. Im Jahr 1525 gab es viele Aufstände der Bauern in Süddeutschland, in der Schweiz und in Österreich

2. Die Bauern, die damals ca. 85% der gesamten Bevölkerung des Deutschen Reichs ausmachten, wehrten sich gegen die zunehmende Unterdrückung und Ausbeutung durch die kirchlichen und weltlichen Grundherrn.

3. Die Bauern waren leibeigen, mussten hohe Abgaben bezahlen und viele Dienste für die Obrigkeit leisten, sodass die Bauern in große Not gerieten.

4. Am Anfang des Jahres 1525 schlossen sich die Bauern in den verschiedenen Gegenden zu sogenannten Bauernhaufen zusammen, um ihre Forderungen gegenüber den mächtigen geistlichen und weltlichen Grund- und Leibherrn durchzusetzen.

5. In Oberschwaben entstanden der Bodensee-Haufen, der Allgäuer-Haufen bei Kempten und der Baltringer-Haufen bei Biberach.

6. Diese 3 Bauernhaufen versammelten sich Anfang März 1525 in Memmingen, weil hier der Kürschnergeselle Sebastian Lotzer und der Schweizer Prediger Christoph Schappeler bekannte Personen waren, die mit der Bibel die Interessen der Bauern vertraten.

7. In der Kramerzunft am Weinmarkt wurden die „12 Artikel“ beschlossen. Sie stellen bis heute die einzige und wichtigste Programmschrift der Revolution des „gemeinen Mannes“ in der europäischen Geschichte dar. Es waren maßvolle Forderungen und Beschwerden an die Obrigkeit. Als Verfasser gilt Sebastian Lotzer unter Mitwirkung von Christoph Schappeler.

8. Sebastian Lotzer kam aus Horb am Neckar, erlernte dort das Kürschner-Handwerk (Pelzverarbeitung) und ließ sich schließlich in Memmingen nieder. Hier heiratete er eine Kramerstochter, Margret Weigelin, führte ihr Geschäft und wohnte mit seiner Familie in einem Haus im Stadtviertel „Hinter der Schul“ (heute: Herrenstr. 1)

9. Sebastian Lotzer war ein begeisterter Anhänger der neuen Lehre der Reformation und der evangelischen Bewegung Luthers gegen Paps und römische Kirche.

10. Sebastian Lotzer kämpfte für die religiöse Selbstbestimmung des einzelnen Christen und für die politische Freiheit und Mitbestimmung des einfachen Volkes. Er suchte dafür Hinweise in der Bibel und verfasste Flugschriften, mit denen er die unchristliche Machtausübung der geistlichen und weltlichen Obrigkeiten und die wirtschaftliche Ausbeutung im Lande massiv anklagte.

11. Dennoch oder gerade deshalb ließen ihn die hohen geistlichen und weltlichen Herrn durch das bewaffnete Heer des Schwäbischen Bundes als einen gefährlichen Revolutionär und Hochverräter verfolgen.

12. Es kam schließlich zu einem Krieg gegen die Bauern, bei dem das gut ausgerüstete Militär der Herrschenden eindeutig überlegen war. Der Schwäbische Bund zog unter dem Anführer Truchsess Jörg von Waldburg eine verheerende Blutspur durch Europa.

13. Sebastian Lotzer floh noch rechtzeitig nach St. Gallen, um nicht als einer der ersten in Memmingen hingerichtet zu werden. In St. Gallen verlieren sich seine Spuren.

Einen solchen mutigen und christlichen Streiter für das einfache Volk, der insbesondere mit der Abfassung der berühmten „Zwölf Artikel“ von 1525 den Beginn einer Basisbewegung in Memmingen für mehr Demokratie und Menschenrechte einleitete, sollte man auch nach so vielen Jahren nicht vergessen.